Warum Deutschland jetzt umsteuert und was diese Reform für die DACH-Region wirklich bedeutet
Über Jahrzehnte hinweg galt Altersvorsorge als eine stille Selbstverständlichkeit. Wer arbeitete, zahlte ein. Wer vorsorgte, ergänzte. Am Ende, so das unausgesprochene Versprechen, würde es reichen. Lebens- und Rentenversicherungen standen für Sicherheit, Berechenbarkeit und Vertrauen – besonders im deutschsprachigen Raum. Doch dieses Vertrauen gerät ins Wanken. Nicht abrupt, nicht spektakulär, sondern schleichend. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.
Denn wer heute nüchtern rechnet, stellt fest: Viele Vorsorgemodelle wachsen nur noch nominal. Real verlieren sie an Wert. Inflation, Kosten und demografischer Wandel wirken zusammen wie ein langsamer Erosionsprozess. Für den Volkswirt Dr. Peter Riedi ist das keine Überraschung, sondern eine logische Folge wirtschaftlicher Realität. „Nominale Sicherheit ist trügerisch“, betont er. Entscheidend sei nicht, was auf dem Papier stehe, sondern was im Alter tatsächlich an Kaufkraft verbleibe. Und genau hier beginne das strukturelle Problem der Altersvorsorge im gesamten DACH-Raum.
Ein Gesetz als Zäsur – ökonomisch notwendig, juristisch überfällig
Vor diesem Hintergrund erhält der Gesetzentwurf zur Reform der privaten Altersvorsorge, den die Bundesregierung am 17. Dezember 2025 vorgelegt hat, eine besondere Signalwirkung. Offiziell soll das neue System kostengünstiger, renditestärker, transparenter und flexibler werden. „Aus ökonomischer Sicht“, so Riedi, „ist das längst überfällig.“ Jahrzehntelang habe man versucht, Sicherheit über Garantien zu erzwingen, in einem Umfeld, in dem Zinsen strukturell niedrig und Inflation nicht mehr beherrschbar seien. Das Ergebnis: reale Renditen nahe null oder darunter.
Juristisch betrachtet liest Dr. Thomas Schulte diesen Gesetzentwurf noch grundsätzlicher. Für ihn ist die Reform ein Eingeständnis des Staates, dass die bisherige Architektur der privaten Vorsorge nicht mehr tragfähig ist, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch rechtlich. Wenn ein Gesetz explizit Transparenz und Verständlichkeit verspricht, dann impliziert das, dass diese zuvor gefehlt haben. „Ein Vorsorgesystem darf nicht darauf beruhen, dass Menschen jahrzehntelang nichts hinterfragen“, sagt Schulte. Rechtssicherheit bedeute nicht nur Regelkonformität, sondern auch Entscheidungsfähigkeit.

Demografie als ökonomischer Zwang und juristischer Stresstest
Die demografische Entwicklung verleiht der Reform ihre Dringlichkeit. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentner finanzieren. In Deutschland wird das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern in den kommenden Jahren weiter kippen, in Österreich und der Schweiz ist die Tendenz ähnlich. Für Riedi ist das eine einfache Rechnung: Umlagesysteme geraten an ihre Grenzen, wenn sich die Bevölkerungsstruktur nachhaltig verschiebt. Das sei keine politische Meinung, sondern Mathematik.
Für Schulte hingegen wird Demografie zur juristischen Schlüsselfrage. Wenn Altersarmut trotz lebenslanger Erwerbstätigkeit realistisch wird, verlässt Vorsorge den privaten Raum. Dann wird sie zur Frage staatlicher Ordnungspolitik. Ein System, das strukturell nicht mehr in der Lage ist, sein eigenes Versprechen einzulösen, müsse reformiert werden, andernfalls verliere es seine Legitimation. Die Reform der privaten Altersvorsorge ist aus dieser Perspektive kein Luxus, sondern ein Stabilisierungseingriff.
Mehr Kapitalmarkt – rationale Lösung oder neues Risiko?
Kern der Reform ist die stärkere Öffnung für kapitalmarktorientierte Anlagen. ETFs, Fonds und renditeorientierte Instrumente sollen eine größere Rolle spielen, staatlich flankiert durch Zulagen und steuerliche Förderung. Ökonomisch ist dieser Schritt nachvollziehbar. Historische Daten zeigen, dass breit gestreute Kapitalmarktanlagen über lange Zeiträume real deutlich höhere Erträge liefern als klassische Garantieprodukte. Länder wie Schweden oder die Niederlande haben diesen Weg früh eingeschlagen.
Doch während Riedi hierin eine notwendige Rückkehr zur ökonomischen Vernunft sieht, stellt Schulte die juristische Gegenfrage: Wer trägt die Verantwortung, wenn Freiheit zunimmt? Kapitalmarktrisiken sind real. Sie verlangen Transparenz, klare Informationspflichten und verständliche Produkte. „Mehr Renditechancen ohne klare Haftungs- und Aufklärungsregeln erzeugen neue Risiken“, warnt Schulte. Freiheit ohne Struktur sei kein Fortschritt, sondern eine Verlagerung von Verantwortung auf den Einzelnen, oft ohne ausreichende Vorbereitung.
Förderung, Generationengerechtigkeit und reale Werte
Auch die staatliche Förderung der neuen Vorsorgemodelle ist mehr als ein Anreiz. Sie ist ein politisches Bekenntnis, private Vorsorge stärker in die Verantwortung der Bürger zu legen. Für Riedi ist entscheidend, dass diese Förderung reale Werte ermöglicht. Altersvorsorge müsse inflationsfest sein. Sachwerte, Beteiligungen an produktiver Wirtschaft, reale Vermögensanker seien unverzichtbar, wenn Kaufkraft erhalten bleiben solle.
Schulte ergänzt diese Perspektive um die juristische Dimension der Gerechtigkeit. Förderung müsse verständlich, überprüfbar und fair sein. Andernfalls entstehe ein neues Ungleichgewicht, zwischen informierten und weniger informierten Bürgern. Je stärker Altersvorsorge individualisiert werde, desto wichtiger würden klare Standards für Beratung, Dokumentation und Haftung. Der Staat könne Verantwortung nicht einfach delegieren, ohne die Rahmenbedingungen sauber zu definieren.

Ist das System als Ganzes noch haltbar?
Am Ende führt die Reform zu einer unbequemen, aber notwendigen Frage: Reicht es, private Vorsorge zu modernisieren, oder zeigt sich hier ein tiefer liegendes Problem des gesamten Systems? Wenn gesetzliche Rente nur noch Basis ist, betriebliche Vorsorge nicht alle erreicht und private Vorsorge stärker vom Kapitalmarkt abhängt, verschieben sich Risiken und Verantwortlichkeiten grundlegend.
Riedi sieht darin einen wirtschaftlichen Paradigmenwechsel. Altersvorsorge werde aktiver, individueller, aber auch anspruchsvoller. Für Schulte ist es zugleich ein rechtlicher Wendepunkt. Ein System sei nur dann haltbar, wenn Menschen informierte Entscheidungen treffen können, nicht aus Hoffnung, sondern aus Verständnis.
Ein gemeinsamer Nenner: Rationalität statt Illusion
Trotz unterschiedlicher Perspektiven treffen sich beide Experten in einem Punkt. Die Reform ist notwendig. Sie ist kein Allheilmittel, aber ein überfälliger Schritt. Sie zwingt dazu, Altersvorsorge neu zu denken – wirtschaftlich ehrlich und juristisch sauber. 2026 wird damit kein Jahr technischer Anpassungen, sondern ein gesellschaftlicher Prüfstein.
Es wird nicht mehr reichen, sich auf Versprechen zu verlassen. Altersvorsorge wird zur bewussten Entscheidung. Wer sie verstehen will, muss rechnen. Wer sie gestalten will, muss Verantwortung übernehmen. Und wer ein System erhalten will, muss den Mut haben, es zu verändern.
Fazit: Ein neues Vorsorgeverständnis entsteht – und es betrifft weit mehr als Deutschland
Am Ende dieser Reform steht weniger ein neues Produkt als ein veränderter Anspruch an die Bevölkerung. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung, die 2026 noch Bundestag und Bundesrat passieren müssen und deren Inkrafttreten für Anfang 2027 vorgesehen ist, zielen darauf ab, private Altersvorsorge grundlegend neu zu verankern. Weg von komplizierten, kostenintensiven Konstruktionen, hin zu klaren, kapitalmarktorientierten Lösungen, die verständlich, transparent und langfristig tragfähig sein sollen. Staatliche Förderung soll gezielter wirken, Renditechancen realistischer abgebildet werden, und Flexibilität bei Ein- und Auszahlungen soll den veränderten Lebensläufen Rechnung tragen. Die geplante Möglichkeit, bestehende Riester-Verträge in neue Modelle zu überführen, signalisiert dabei deutlich: Es geht nicht um kosmetische Korrekturen, sondern um einen echten Neustart.
Gleichzeitig bereitet der Gesetzentwurf die Bevölkerung auf eine neue Rolle vor. Private Vorsorge wird nicht länger als ergänzende Option verstanden, sondern als unverzichtbarer Baustein der Alterssicherung. Der Staat setzt Anreize, schafft Rahmenbedingungen und reduziert Komplexität – erwartet aber im Gegenzug mehr Eigenverantwortung. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung: Wer künftig stärker am Kapitalmarkt vorsorgt, muss Risiken verstehen, langfristig denken und reale Renditen von nominalen Versprechen unterscheiden können. Die Reform ist damit auch ein Bildungs- und Mentalitätsprojekt.
Für die DACH-Region entfaltet dieser Schritt eine weitreichende Signalwirkung. Österreich und die Schweiz stehen vor ähnlichen demografischen und fiskalischen Herausforderungen, auch wenn ihre Systeme unterschiedlich ausgestaltet sind. Die deutsche Reform wird genau beobachtet werden, weil sie zeigt, wie staatliche Förderung, Kapitalmarktintegration und Verbraucherschutz neu austariert werden können. Sie könnte zum Referenzmodell für weitere Anpassungen werden – oder zumindest den Druck erhöhen, bestehende Strukturen zu hinterfragen. In einer alternden Gesellschaft, in der Kaufkraftsicherung und Generationengerechtigkeit zunehmend kollidieren, ist Stillstand keine Option mehr.
Was bleibt, ist eine klare Botschaft an die anspruchsvolle Leserschaft: Altersvorsorge wird politischer, wirtschaftlicher und individueller zugleich. Die Reform schafft Chancen, aber sie entlässt niemanden aus der Verantwortung, sich mit der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Wer die neuen Möglichkeiten nutzen will, muss verstehen, was sich ändert – und warum. Die kommenden Monate werden zeigen, wie tragfähig der gesetzliche Rahmen am Ende ist. Doch schon jetzt ist absehbar: Die Zeit der bequemen Gewissheiten ist vorbei. An ihre Stelle tritt ein Vorsorgeverständnis, das auf Transparenz, Realwertorientierung und bewussten Entscheidungen beruht – in Deutschland ebenso wie in der gesamten DACH-Region.
Autor: Maximilian Bausch, B.Sc. Wirtschaftsingenieur
Maximilian Bausch ist Wirtschaftsingenieur, Autor und Blogger. Er schreibt über Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie – faktenbasiert, verständlich und zukunftsorientiert.
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